Der Tag an dem die Motivation in die Schule zurückkam


Gesellschaftliche Veränderungen gehen oft einher mit einem Wandel der Wertestrukturen. Wo in früheren Zeiten Sinn und Zweck der Arbeit die Sicherheit und Versorgung der Familie war, ist es heute vor allem die Selbstverwirklichung. Nicht das die Familie nicht immer noch versorgt werden muss, aber durch eine bessere soziale Absicherung und veränderte Sinngebungen der Gesellschaft ist es nicht mehr die höchste Priorität. Eher vielleicht eine Selbstverständlichkeit als eine erfüllende Aufgabe. Wir haben uns weiterentwickelt.


Das heisst, wo früher die höchste Priorität der Arbeit auf dem System Familie lag und damit in dem ihr immanenten Wertestruktur der zumindest nahezu bedingungslosen Annahme, hat sich nun das System Karriere und Selbstverwirklichung mit seiner Wertestruktur der Annahme bei Leistungserbringung an dessen statt etabliert.


Eine kleine Anekdote dazu: 9 von 10 Personen, die man heute fragt, wie es ihnen geht, werden antworten, dass sie schon extrem beschäftigt sind, aber dass es ihnen soweit gut gehe. Würde die Antwort lauten, dass man gerade wenig zu tun hat und man entspannt ist, würde vermutlich in 9 von 10 Fällen der erste Gedanke des Gegenübers sein, dass es hier jemand wohl ein wenig "schleifen lässt", nicht so fleissig ist, oder derjenige vielleicht sogar einer von diesen "Neu-Hippies" ist, die etwas realitätsfern scheinen. Ich habe mich schon das eine oder andere Mal mit diesem Gedanken ertappt. Leistung ist in den Industrie-und Dienstleistungsgesellschaften das höchste Gut geworden, da wir etwas aus uns machen wollen, unsere Möglichkeiten nutzen wollen und auch sollten. Das ist wirklich eine gute Sache. Aber eine gute Sache kann eine schlechte Sache werden, wenn es uns von der wichtigsten Sache abhält. Ich komme gleich darauf zurück.


Der gesellschaftliche Wert Leistungsorientierung wird immer eine Bedingung mit sich bringen: Wer leistet in den Parametern der gesellschaftlichen Ziele wird anerkannt. Menschen, die nicht die erwünschte Leistung bringen (aus welchen gewollten, oder noch tragischer, ungewollten Gründen auch immer) bekommen diese Anerkennung nicht - im besten Falle noch Mitleid.


In meiner Arbeit mit jungen Erwachsenen ist das Thema Werte immer ein wichtiger erster Programmpunkt. Wenn wir nach einem Werteworkshop dann ins Gespräch über ihre 3 wichtigsten Werte kommen und warum diese für sie wichtig sind, habe ich bei nahezu 300 Schülern folgende Feststellung gemacht (ohne den Anspruch auf eine statistisch absolut korrekte Erhebung):

80% aller Schüler haben den Wert "Familie" unter ihren 3 wichtigsten Werten, häufig sogar an erster Stelle. Die Antwort, warum sie das so sehen, ist in nahezu allen Fällen der gleiche Wortlaut: "Weil ich da so sein kann, wie ich bin/ Weil ich da so angenommen werde wie ich bin."


Was zeigt uns das? Mir zeigt es: Der Wunsch sich angenommen zu fühlen kommt vor dem Wunsch sich durch Leistung zu beweisen und zu verwirklichen. Das wissen wir nicht erst seit Maslow`s Bedürfnispyramide. Es zeigt mir auch, dass unser Wunsch Leistung zu bringen nicht grundsätzlich falsch ist - haben wir eventuell einfach die Prioritäten vertauscht?


Aber was heisst das nun im Bezug auf unsere Bildung? Hier komme ich zurück auf die oben erwähnte "wichtigste Sache": Unser erster Schritt in der Bildungsreform sollte sein, unsere Jugendlichen und Kinder so anzunehmen wie sie eben sind mit ihrer grösseren oder kleineren Ausstattung an Potenzial und ihnen verdeutlichen, dass die Nutzung und die Menge ihres Potential nichts mit ihrem Wert zu tun hat. Dass wir sie nicht in das höchste leistungsorientierte Gut, Matura und Studium - komme was wolle - pressen, sondern ihnen durch unsere Haltung verdeutlichen, dass sie einzigartig sind, ohne Bedingungen angenommen sind und sich auf diesem Nährboden mit Freude und Neugierde entwickeln dürfen. Ob im Studium und einer akademischen Laufbahn, oder als Gitarrenbauer, Feuerwehrmann/frau, Sänger oder Softwareentwickler. Gerne auch mit viel Ehrgeiz und Leistungsbereitschaft.


Wir dürfen sie motivieren und ihnen auch realistisches Feedback zu scheinbar unrealistischen Karrierewünschen geben. Aber wir dürfen niemals vergessen, dass das wichtigste soziale Grundbedürfnis von unseren Kindern (und auch von uns) nach den physischen Bedürfnissen, das Bedürfnis nach Annahme und Sicherheit ist. In der Vermittlung dieser Sicherheit besteht unsere erste Aufgabe - gerade in der Schule. Dann wird die Motivation und Leistungsbereitschaft der SchülerInnen auch wieder zurückkehren.

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